Heute erscheint die neue Ausgabe von Mac & i, Heft 4/2026. Auf Seite 114 testet Joachim Klรคschen meine Safari-Erweiterung Trackless Links. Ein Satz aus dem Fazit hat mich besonders gefreut:
โTrackless Links ist praktisch, um digitale Spuren zu verwischen und lรคstige Einschrรคnkungen von Websites zu umgehen.”
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Amazon Mehr erfahrenMac & i 4/2026, S. 114
รber Lob freut man sich. Interessanter fand ich aber, dass der Test eine Funktion erwรคhnt, die dort fast beilรคufig steht: die Glaubwรผrdigkeitshinweise, die die App zu Nachrichtenseiten anzeigt. Der Artikel notiert, dass die Erweiterung Adressen lokal gegen eine offene Liste mit rund 2.673 Eintrรคgen prรผft.
Diese Liste ist kein Zukauf und kein API-Aufruf bei einem Dienstleister. Sie ist ein Nebenprodukt meiner Forschung. Und wie sie in eine App fรผr 6,99 Euro gekommen ist, finde ich erzรคhlenswerter als jede Rezension.
Das Problem hinter der Funktion
Ich forsche zu Desinformation und der Frage, wie Menschen die Verlรคsslichkeit von Online-Quellen einschรคtzen. Dabei tauchte ein Befund immer wieder auf: Der kritische Moment liegt vor dem Lesen, nicht danach.
Ist ein Artikel erst einmal gelesen, ist der Eindruck gesetzt. Spรคtere Korrekturen erreichen nur einen Bruchteil der Menschen, die den ursprรผnglichen Beitrag gesehen haben. In der Forschung heiรt der Gegenansatz Pre-Bunking: die Einordnung kommt, bevor der Inhalt wirkt, nicht als Richtigstellung hinterher.
Das klingt in einem Paper รผberzeugend. Nur braucht man dafรผr etwas sehr Unromantisches: eine verlรคssliche, nachvollziehbare Liste, welche Domains in der Vergangenheit auffรคllig geworden sind. Und genau daran hakte es.
Warum CRED-1 entstanden ist
Es gibt Quellen fรผr solche Einschรคtzungen, aber die meisten haben mindestens einen von drei Nachteilen. Sie sind proprietรคr, also nicht รผberprรผfbar. Sie sind an eine API gebunden, was bedeutet, dass jede Abfrage verrรคt, welche Seite gerade jemand besucht. Oder sie sind eine undokumentierte Liste ohne Angabe, wie sie zustande kam.
Fรผr wissenschaftliche Arbeit ist alles drei untauglich. Reproduzierbarkeit ist keine Formalie, sondern die Grundlage. Also habe ich einen eigenen Datensatz aufgebaut: CRED-1.
CRED-1 kombiniert mehrere offen lizenzierte Quellenlisten mit berechneten Zusatzsignalen und weist jeder Domain einen Glaubwรผrdigkeitswert zwischen 0 und 1 zu. In die Bewertung flieรen unter anderem ein: die Einordnung durch bestehende Faktencheck-Projekte, das Alter der Domain, ihre Verbreitung gemessen am Tranco-Ranking, dokumentierte Faktenchecks zu verรถffentlichten Behauptungen sowie Sicherheitswarnungen.
Wichtig ist mir dabei die Nachvollziehbarkeit jeder einzelnen Bewertung. Jede Domain trรคgt ihre Teilwerte offen mit sich, man kann also sehen, warum ein Wert so ausfรคllt. Der Datensatz steht unter CC BY 4.0, hat einen DOI รผber Zenodo und liegt vollstรคndig auf GitHub. Aktuell umfasst er 2.674 Domains und wรคchst wรถchentlich. Die vom Test genannten 2.673 waren der Stand zum Testzeitpunkt.
Vorgestellt habe ich CRED-1 auf der ACM WebSci 2026. Das zugehรถrige Paper ist gemeinsam mit Martin Kappes und Marc-Oliver Pahl entstanden und als Preprint verfรผgbar.
Vom Datensatz zur Extension
Ein Datensatz auf Zenodo ist erst einmal genau das: eine Datei, die andere Forschende zitieren kรถnnen. Das ist wertvoll, aber es รคndert fรผr niemanden etwas, der abends auf dem Sofa einen weitergeleiteten Link รถffnet.
Diese Lรผcke zwischen โist publiziert” und โhilft jemandem” beschรคftigt mich seit Lรคngerem. Trackless Links war ohnehin als Werkzeug gedacht, das Tracking-Parameter aus Adressen entfernt. Eine Erweiterung, die ohnehin jede aufgerufene Adresse betrachtet, ist aber auch der natรผrliche Ort fรผr einen Hinweis zur Quelle.
Entscheidend war die Umsetzung. Der naheliegende Weg wรคre ein Server gewesen, den die App bei jedem Seitenaufruf fragt. Technisch einfach, inhaltlich absurd: Eine Erweiterung, die Tracking entfernt und dabei selbst einen vollstรคndigen Verlauf an einen Server meldet, wรคre ihr eigenes Gegenteil.
Deshalb liegt CRED-1 vollstรคndig auf dem Gerรคt. Der Abgleich passiert lokal, es geht keine Anfrage hinaus, und ich erfahre nicht, welche Seiten jemand besucht. Der Preis dafรผr ist, dass der Datensatz mit Updates aktualisiert werden muss statt in Echtzeit. Fรผr einen Anwendungsfall, bei dem sich Einschรคtzungen รผber Wochen und nicht รผber Sekunden รคndern, ist das der richtige Kompromiss.
Die Funktion ist bewusst standardmรครig ausgeschaltet. Ein Hinweis zur Quelle ist eine Einordnung, keine Sperre, und niemand sollte ungefragt eine Bewertung รผber seine Lektรผre eingeblendet bekommen. Wer sie aktiviert, entscheidet sich dafรผr.
Was ich daraus mitnehme
Der Weg von der Forschungsfrage รผber einen offenen Datensatz bis in eine App im Store hat lรคnger gedauert, als ich dachte, und der unangenehmste Teil war nicht die Wissenschaft, sondern die Pflege. Ein Datensatz, der einmal verรถffentlicht und dann nie wieder angefasst wird, verliert schnell an Wert.
Dass eine Fachzeitschrift diese Funktion nun beilรคufig erwรคhnt, ist fรผr mich das eigentliche Ergebnis. Nicht weil es eine Erwรคhnung ist, sondern weil es bedeutet, dass die Sache aus dem akademischen Kontext heraus ist und fรผr Leute funktioniert, die von der zugrundeliegenden Arbeit nie gehรถrt haben. Das war das Ziel.
CRED-1 ist offen und รผber npm sowie als MCP-Server nutzbar, wenn jemand etwas Eigenes damit bauen mรถchte. Fehlende oder falsch eingeordnete Domains lassen sich direkt auf GitHub melden. รber beides freue ich mich mehr als รผber die Rezension.
Die vollstรคndige Rezension steht in Mac & i 4/2026 (kostenpflichtig). Trackless Links im App Store. Eine englische Fassung dieses Artikels ist ebenfalls verfรผgbar.
